SCHWEIZ – QUO VADIS

18964332_lEin Schweizer Banker hat mir einmal in Schweizer Mundart gesagt: „Die Schweiz ist ein reiches Land. Hier brauchen Sie Geld“. Nach der zuletzt erfolgten Freigabe des Wechselkurses zum Euro sind diese Worte sehr passend.

Die überraschende Freigabe des Wechselkurses zeigt jedenfalls sehr klar einige Punkte auf:

  • Künstliche Beschränkungen von Wechselkursen, welche versuchen die Marktkräfte zu verschieben, sind nicht von Dauer.
  • Auch große Währungen sind vor massiven Kursschwankungen nicht immun
  • Langfristig spiegeln Wechselkurse die wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen von Währungs-  bzw. Wirtschaftsräumen wieder
  • Geld drucken (z.B. Kauf von Staatsanleihen durch die Zentralbank) führt zu einem relativen Wertverlust der jeweiligen Währung
  • Fremdwährungskredite sind riskant und sollten nicht von Privatleuten oder staatlichen Institutionen verwendet werden, die das Risiko weder einschätzen noch managen können.
  • Selbst unvorstellbare Dinge (wie Negativzinsen) können Realität werden
  • Massive Veränderungen passieren plötzlich und unerwartet
  • Sollte der Euro jemals auseinanderbrechen, ist das ein Vorgeschmack auf die Verwerfungen und die Veränderungen die in einem solchen Szenario passieren werden

In der Presse wurde bereits der Wirtschaftsstandort Schweiz in Frage gestellt und massive negative Auswirkungen für die Schweiz in den Raum gestellt. Ich halte diese Dinge für übertrieben:

1.
Die Schweiz ist ein attraktiver Ort für reiche Leute und Konzernholdinggesellschaften. Der Grund dafür sind (a) Attraktive Steuergesetze (b) keine gesellschaftliche und politische Jagd auf Unternehmer, vermögende Personen und Gutverdiener (c) Sehr gute Infrastruktur und (d) Sehr gutes Ausbildungssystem. An diesen Punkten ändert sich durch die Freigabe des Wechselkurses nichts, und vermögende Personen werden weiterhin dieses Umfeld schätzen, Wechselkurs hin oder her.

2.
Die meisten großen Schweizer Konzerne haben die Mehrheit ihrer Produktionsstätten im Ausland. Die Kosten in der Schweiz waren bereits bisher so hoch, dass nur sehr selektive Produktions- und Verwaltungsaufgaben in der Schweiz selbst durchgeführt werden und der Rest im (weitaus günstigeren Ausland).

3.
Schon vor der Wechselkursfreigabe war die Schweiz einer der teuersten Länder der Welt um Urlaub zu machen; jetzt ist sie noch ein wenig teurer. Einige Gäste werden vielleicht fernbleiben (z.B. obere Mittelschicht aus Russland, für die sich der Preis eines Urlaubs verdoppelt hat), aber die Mehrheit der (betuchten) Schweizer Gäste wird auch der Wechselkurs nicht davon abhalten, dort ihren Urlaub zu verbringen.

Vielmehr ist davon auszugehen, dass die (jetzt im Vergleich zu anderen Ländern noch höheren) Gehälter den Zuwanderungsdruck in die Schweiz, insbesondere aus der EU, noch verschärfen. Es ist davon auszugehen, dass insbesondere qualifizierte Arbeitnehmer quasi als „Gastarbeiter“ in die Schweiz drängen, angezogen von den hohen Gehältern und niedrigen Steuern, die in ihren Heimatländern dann eine enorme Kaufkraft haben. Brain Drain aus der EU, bzw. Gastarbeiterkarawane auf Hochschulniveau.

Für die EU sollte jedoch die fast panische Reaktion auf die Freigabe des Wechselkurses ein absolutes Warnsignal sein:

  • Alleine durch Geld Drucken löst man keine strukturellen wirtschaftlichen Probleme
  • Die Glaubwürdigkeit der europäischen Wirtschafts- und Währungspolitik auf den Finanzmärkten ist offensichtlich geringer als gedacht.
  • Von einer „harten Währung“ kann bald keine Rede sein, allen Versprechungen der Politik zum Trotz. Die EU löst derzeit ihre Probleme wie Italien, Spanien, Frankreich oder Griechenland im vorigen Jahrhundert: Durch Abwertung der Währung.  Europa wird auch bald die Reputation dieser Länder haben.

Zudem sind einige Länder, eine hohe Anzahl von Fremdwährungskrediten in CHF haben, insbesondere Österreich und Ungarn, massiv betroffen.

Die Schweiz ist ein reiches Land für reiche Menschen und wird das auch bleiben. Die EU muss aufpassen, dass sie nicht im internationalen Vergleich immer mehr an Boden verliert und Glaubwürdigkeit verliert. Der Brain Drain Richtung Schweiz, UK und USA ist bereits in vollem Gange, und wird sich bei einer schwachen Währung noch beschleunigen.

 

Comments

  1. says

    Glaube nicht, dass wir uns um Europa als Ganzes so sehr sorgen müssen. Irland hat die nötigen Reformen durchgezogen. Lohn -30% haben die geschafft. Schlimm wird es für Deutschland und die Nordländer nur dann, wenn der Grexit kommt und in Folge Italien, Portugal auch den Euro verlassen. Die Schulden werden in Drachmen 1:1 zurückgezahlt was bei einer Abwertung von 50% dann auch einem Schuldenschnitt von 50% gleichkommt. Dem deutschen Steuerzahler kann das auch egal sein, weil sich seine Situation nicht ändert. Wir müssen nur erkennen, dass wir über die Target2 Salden unserer Wirtschaft über den Umweg des Südeuropäischen Konsumenten ein 15 jähriges Konjunkturprogramm gegeben haben. Das war nicht nur schlecht, da wir nun eine sehr gesunde Wirtschaft haben und die europäische „Konkurrenz“ durch den fehlenden Währungsbonus trocken gelegt wurde und nun nicht mehr konkurrenzfähig ist.
    Für die Wirtschaft Europas allgemein wird sich vor allem durch TTIP und die Aufspaltung des Euroraums viel Potential freisetzen.
    Gesellschaftlich bewegt sich Europa auf ein Abbild der USA zu. Mehr Multikulti, mehr Niedriglohnsektor und schlankere Sozialsysteme. Für die Wirtschaft ist das sehr gut. Für die Schweiz als Zufluchtsort ängstlicher Reicher ist das noch besser. Everybody wins.

  2. Tscho Malibu says

    Herr Hörhan, Wissen ist nicht gleich vermuten…!
    Der Rückzug der SNB die Untergrenze von 1.20 nicht mehr zu halten, hat vordergründig nichts mit dem Eiro direkt zu tun. Zum einen wird der CHF zu teuer für Spekulationen, zum anderen können wir den Follar im Schach halten…ein kleines Land wie wir, können nicht auf Hilfe hoffen von aussen…

  3. says

    Ich habe geschäftlich seit ~ 1999 in der Schweiz zu tun.
    Die Schweiz ist aktuell nach den USA noch immer der zweit wichtigstge Handelspartner der EU, dann kommt erst Japan usw. !
    Das kommt nicht von ungefähr, die Kinder lernen in der Grundschule bereits Französisch und Englisch. Das Land
    hat sich durch die Absage zur Monarchie bereits frühzeitig gegen Ende des ~ 18. Jh. zur Demokratie bekannt.
    Die Kantone entwickelten sich zu wirtschaftlichen Kompetenzzentren mit Schwerpunkten, so z. B. Baden
    Elektrotechnik / ABB, ALSTOM usw …
    Die "Werkbank" ist ins günstigere Ausland ausgelagert, im Karton Zug gibt es z. B. Broker Unternehmen die den
    doppelten Umsatz von Nestle erzielen …
    Weiter mit entscheident ist, das die Politik durch einen Verwaltungsrat beaufsichtigt wird, die Verwaltungsrat Mitglieder sind keine "dahergelaufenen" Personen, bei uns kann hingegen ein jeder "Vollgummi"
    Kanzler werden – ein Schweizer Landsmann hat mir das nicht geglaubt!